Leseprobe

Mads Routine- Fear eats Light Band 2

Insel


Die Insel schlief noch, als Mads die Augen öffnete. Alles lag in einer seltsamen, noch ungeprägten Ruhe, so als hielte die Welt den Atem an, ein Pausenzeichen vor der nächsten Bewegung. Kein Geräusch war zu hören, außer dem dumpfen, rhythmischen Brummen der Pumpe, das tief unter dem Fundament durch den Boden vibrierte – eine Frequenz, die sich in sein Bewusstsein eingrub, beharrlich, beruhigend.
Es war fünf Uhr. Fünf Uhr, wie an jedem Tag, dieselbe Uhrzeit, derselbe Beginn, das gleiche Aufwachen. Immer. Der Wecker musste nicht einmal klingeln. Sein Körper hatte diese Zeit längst in die Muskeln geschrieben. Der Startschuss war so selbstverständlich, so unumkehrbar, dass es keinen Gedanken mehr brauchte.
Ohne nachzudenken, setzte Mads die Füße parallel auf den Linoleumboden. Er ließ sie exakt zwei Sekunden stehen, niemals länger oder kürzer, spürte die Kälte, zählte innerlich mit – eins, zwei – bis der richtige Moment gekommen war, um aufzustehen. Seine Bewegungen folgten dabei immer einem festen Ablauf. Es war eine Choreografie aus Gewohnheit, jeder Schritt, jede Wendung, jede noch so kleine Geste eingefasst in ein unsichtbares Raster. Kein Griff wich ab, keine Bewegung änderte oder verlief sich, alles geschah wie in vorgezeichneten Bahnen. Jede Handlung war im Kopf schon am Abend des Vortags programmiert worden, als hätte das Leben sich auf Dauer in wiederholende, kontrollierte Kreise gefügt, Kreise ohne Anfang, ohne Ende. Noch während Mads das Fenster öffnete, kroch ein eigenartiger Geruch in den Raum – dumpf und süßlich, als würde die feuchte Inselluft verfaulen. Für einen Moment blieb er stehen und lauschte nur dem Brummen der Pumpen.
Er atmete einmal tief durch, schüttelte die Trägheit ab, fühlte die Leichtigkeit der Routine in sich.
Der Weg zum Schrank war immer gleich, der Blick streifte kurz das kleine Fenster – dunkelgrau noch draußen, ein Vorhang aus Nebel, der die See verdeckte. Er öffnete die Schranktür, ordnete mit gleichmäßiger Bewegung die graue Uniform, die exakt gefaltet wartete. Sanft fuhr er mit zwei Fingern über den Kragen, achtete auf glatte Nähte. Jede doppelt kontrollierte Linie ein Produkt der Routine. Die Entscheidung, welche Jacke er heute überstreifen würde, fiel maschinell, geradezu mathematisch – sie waren alle identisch, jeder Knopf, jedes einzelne Fädchen schon zigmal geprüft. Die Reihenfolge wird auch beim späteren Ankleiden klar und unverrückbar sein: erst die rechte Seite schließen, dann die linke, jeden Knopf nehmend, prüfend, drehend, immer rechtwinklig, nie aus der Reihe. Erst am Ende, wenn alles fehlerfrei sitzt, geht es weiter.
Bevor Mads zum Bad ging, nahm er sich wie jeden Morgen Zeit für jenes Muster, das nur ihm gehörte: Den Ball aus dem Regal, 23-mal gegen die Flurwand geworfen. Das Geräusch half, die Gedanken zu sortieren, bis der zweite Teil des Morgens begann.
Im Bad erwartete ihn der nächste Ablauf. Die Zahnbürste, immer am gleichen Platz, wurde ergriffen und drei Minuten benutzt – nie zu fest, nie zu sanft, immer im genau gleichen Rhythmus, der sich in den Mund schraubte: vorn, hinten, oberer Kiefer, unterer Kiefer, rechts, links, zurück zum Anfang, keine Stelle vergessen, nie zu wenig, nie zu überschwänglich. Das Wasser wurde auf mittlerer Temperatur eingestellt, gefühlt an Zeige- und Mittelfinger, einmal zur Kontrolle abgewaschen.
Das Duschen dauert exakt fünf Minuten. Nicht eine Sekunde zu viel, nicht eine Sekunde zu wenig. Dampf am Spiegel, Wärme in den Gliedmaßen, die Bewegung stand getaktet zwischen Automatismus und Wachtraum, jeder Handgriff ausprobiert, bewertet, abgesegnet. Der Spiegel blieb tabu, wie jeden Tag, wie jeden Tag zuvor. Kein Blick zurück, kein Innehalten, kein Infragestellen dessen, ob das eigene Spiegelbild wirklich noch da war, keine Relevanz. Dann die Fliesen unter dem Waschbecken zählen – zwölf, jedes Mal, langsam, mit den Fußspitzen, Stück für Stück, bis die Zahl zur beständigen Konstante im Kopf wurde, beruhigend, ordnend, notwendig. Dann ankleiden.
Das Frühstück begann wie ein eingefahrenes Zeremoniell: Brot wird mit dem Messer in exakt gleiche Stücke geschnitten; das Abmessen des Schnittes fast schon meditativ, die Kraft berechnet, das Auge scharf am Rand. Die Margarine lag in vier genau gleichlangen, parallelen Strichen auf der Scheibe, als würde aus mathematischer Symmetrie ein Gestaltungswille erwachsen.
Der Kaffee wurde so eingefüllt, dass der Rand der Tasse exakt der Erinnerung entsprach: niemals überlaufen, niemals zu knapp. Mads setzte sich an den Tisch, die Zehen parallel auf den Boden, den Rücken genau ausgerichtet. Der Blick ruhte zentrisch auf der alten Lampe, so als könnte sich alles Bedeutende aus diesem Punkt heraus entfalten. Er aß langsam. Jede Bewegung abgestimmt, zwischen jedem Bissen hielt er einen winzigen Moment inne. Kaubewegungen wurden gezählt – vielleicht acht, vielleicht zwölf, immer wieder leicht unterschiedlich, aber gezählt. Das Zählen war kein Gedanke, sondern ein innerer Rhythmus – nie laut, nie bewusst, aber jedes Mal so, als wäre es anders nicht möglich gewesen.
Noch bevor das Haus richtig erwachte, machte Mads einen kurzen, ritualisierten Gang um die Station – einhundertzwölf gezählte Schritte bis zum Bootssteg, zwei Atemzüge am Rand, dann kehrte er zurück und begann die Routine von vorne.
Dann kam der Gang durch den Flur. Die Füße berührten rhythmisch den Boden, das Geräusch federte im Raum nach; die Finger glitten an der Wand entlang, direkt vorbei am Werbeposter, auf dem eine grelle, aufgesetzte
Familie in fröhlichen Farben Zuverlässigkeit und heile Welt vortäuschte. Der Spruch prangte blendend: »Wir sorgen für Ihre Sicherheit.«
Als seine Finger über das Werbeposter glitten, schob sich ein Gedanke an die Eltern dazwischen: Der Unfall in jener Firma, von dem keiner wirklich wissen wollte, wie er passiert war. Für einen Moment blieb alles stehen. Mads murmelte seine Worte: »Ich hasse diese Firma.« Der Satz war alt, eingeschrieben in die Morgendämmerung – jeden Tag aufs Neue, ein geheimer, niemals ausgesprochener Schwur, eine kleine Rebellion als notwendiger Abschluss häuslicher Zeremonien. Er spürte das Gewicht dieser Worte, doch der Tag rollte unaufhaltsam weiter.
Die Pumpen stampften monoton unter dem dicken Blech der Technikräume, ihr Klang durchdrang alles, war Grundton, Begleitmusik, ein Echo, das die Uhrzeit überdauert. Prüfung folgt auf Prüfung: Mads bewegte sich durch den Raum, liest jede Anzeige in der immergleichen Reihenfolge ab, kontrollierte Werte, Grenzen, Temperaturen, drückt Knöpfe, dreht Ventile, setzte routiniert Haken auf das Klemmbrett neben den Messwerten. Der Ablauf war exakt, nichts durfte abweichen, alles wie Prüfungsfragen, bei denen ein Fehler undenkbar war. Nachdem alles gecheckt und abgehakt war, kam der vorerst letzte Teil: Das Protokoll wurde ausgedruckt, sorgfältig unterschrieben, und in das mittlere Regal gestellt – immer mit dem gleichen Griff, immer im exakt gleichen Rhythmus, auch das Regal Teil der Routine, unerschütterlich, ein Monument für Wiederholung.
Das Mittagessen: kein Gramm zu viel, kein Stück zu wenig. Die Dose geöffnet, der Inhalt exakt mittig auf den Teller geschichtet, der Zeitpunkt zum Essen genau gewählt. Jeder Handgriff war Teil des Musters: gerade sitzen, Besteck ausrichten, Blicke auf den gemusterten Tellerrand, der altvertraut wirkte.
Die Bewegungen waren gleichgültig geworden, aber eben dadurch präzise, immer gleich, immer richtig, immer bereit für die nächsten Minuten. Pausen erschienen wie kleine Inseln, winzige Verschiebungen im ansonsten gleichbleibenden Tageslauf – selten, kostbar und doch ebenso festgezurrt. Nachmittags folgte wieder der Kontrollgang: neues Protokoll, wieder Ablage – bewusste Pausen waren ausgeschlossen, Änderungen existierten in dieser perfekten Mechanik nicht; alles lief nach Prinzip und alter Gewohnheit, festgefahren, einstudiert.
Der Tag dehnte und streckte sich, gleichmäßig, wurde zu jenem endlosen, zähen Strom grauer, geordneter Abläufe, aus dem kein Ausbrechen denkbar war. Nichts weicht ab, nichts bringt Unordnung – alles ist eingepasst, alles läuft ordentlich, alles fügt sich dem, was gestern, heute und morgen als einziger Rhythmus möglich ist. Sogar die Gedanken hielten sich an diese Bahn, liefen wie Räder auf Schienen – sicher, fest.
Als die Schicht vorbei war, ging Mads wortlos in den Aufenthaltsraum. Die Tür fiel sanft ins Schloss, der Sessel wartet immer an derselben Stelle in der Ecke, unter der Lampe, die ihr weiches, leicht gelbliches Licht auf das Polster warf. Mads setzte sich, lehnte sich mit kontrollierter Müdigkeit zurück.
Neben ihm stand das Funkgerät – schwarzes Plastik, matt im Lampenlicht, jede Taste leicht abgenutzt, die Kanten alt, die Funktion jedoch erhalten.
Erst jetzt griff Mads zur groben Decke, nahm sie vom Sesselrücken, legte sie mechanisch über die Knie, zupfte an einer Ecke, fuhr mit den Fingern am Saum entlang, bis alles lag, wie es liegen musste. Ein letztes, gelöstes Einatmen, der Tag war fast zu Ende. Das Ritual beruhigte ihn, wie jeden Tag, wie immer.

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